Aus dem Tagebuch: Vom Grat – die erste Publikation

Aus dem Tagebuch, Herbst 2012. Es zog mich von Neuem fort, zurück an die schmalgezackten Grate, fernab von Handynetz und Zivilisation; über ein paar modisch perfekt ausgerüstete Sonntagswanderer, die ihre iPhones in die Höhe hielten, als wärs ein Kompass oder eine Laterne, und sich dabei gegenseitig zuriefen, ob einer schon Netz hätte, amüsierte ich mich köstlich. So köstlich, dass ich nicht vergaß, nein, angesichts der Höhen, in denen ich mich befand, eher verdrängte, dass während meiner Abwesenheit in einem Münchner Literaturmagazin mit dem fast unaussprechlich langem Namen „Das Prinzip der sparsamsten Erklärung“ die erste Publikation eines Menschen namens „Marcus Benjamin“ erschienen ist. Genau hier kann man meinen bescheidenen Beitrag zur jungen Gegenwartsliteratur nachlesen, danke.

Lebensläufe sind nur zu oft poliert worden, auch ich habe daran mitgearbeitet, den meinen wie den anderer Menschen in neuem Glanz erscheinen zu lassen und bei aller Getriebenheit eine Ruhe vergessen, wie ich sie nur hier an den schmalgezackten Graten finde. Ich lebe hier minimal, jeden Bissen, den ich verzehre, muss ich tragen, jedes Hemd, das ich wechseln will, muss ich tragen, erstaunlich und eine längst platt gewordene Weisheit, auf welche Einfachheiten sich auch heute noch alles reduziert, wenn man es nur selbst am Rücken zu tragen hat. Erstaunlich, wie wenig Belang die Grundpfeiler unserer westlichen Gesellschaft unvermittelt besitzen, Internet, Facebook, Tageszeitungen, (letztere könnte ich immerhin noch hygienisch weiterverwerten). Information heißt, die Wolken beobachten und den Weg im Auge behalten, es könnte schließlich das Wetter umschlagen und den anfangs sanft, später steil ansteigenden, felsiger werdenden Hohlweg in eine Todesfalle verwandeln. Selbst Dramatik besitzt in den Bergen einen anderen Stellenwert als im Theater, an einer Lesebühne, auf einem Marktplatz oder eben im heimischen Wohnzimmer.

Die Tage zuvor eines Samstags einen kleinen Büchermarkt an der Isar besucht. Das Durchschnittsalter lag bei vierzig aufwärts, Günther Grass wurde mit verschiedensten Titeln viel verscherbelt, spricht das nun für oder gegen ihn? Ansonsten ein wunderbar bebildertes Buch von Piper erstanden, „Arabische Nächte“ von Marc Chagall, 26 Lithographien zu 1001 Nacht, R. Piper & Co Verlag (!) München, 1956. Irgendwann werd ich es einem lieben Menschen schenken. Das eigentlich erwähnenswerte auf diesem Büchermarkt aber war ein junges Paar, von dem ich wusste, ob es nun ein Paar war oder doch nur eine Zweierkonstellation Menschen, irgendwie anders miteinander verbunden. Einen Hund hatten sie dabei, der ebenfalls an den Bücherkisten schnüffelte, wie sie ab und an an den Büchern rochen, das Tier freilich nur an jenen, die am Boden gelagert waren. Gehetzt wirkte er, vertieft sie, und der Hund dazwischen, der auch mal frech die vorderen Pfoten auf einen Tisch aufstützte und dem Standbesitzer seinen heißen Atem ins Gesicht blies. Wer einmal an Hundeatem gerochen hat, weiß, wovon ich schreibe. Die Mischung aus erdigem, vertrautem Geruch und der letzten Zwischenmahlzeit weckt Ekel und Zugehörigkeitsgefühl zugleich, die Zähne dieses Hundes aber waren blitzblank und glänzten weiß. Ich bin eine Weile gefolgt, um herauszufinden, welche Bücher sie kauften, unauffällig hielt ich mich im Schatten der dünnen Bäume auf dem schmalen Grastreifen zwischen Straße und Gehpromenade.
Ich bin Ihnen eine Weile verstohlen gefolgt, um herauszufinden, um welche Zweierkonstellation es sich handeln mochte. Einige Male nahm der Hund meine Witterung auf, wedelte mit der Rute und zerrte an der Leine eingehangen in meine Richtung, der Besitzer reagierte zunehmend ungehaltener, bis ich die Verfolgung schließlich abbrach, das war der Moment, als ich den Chagall auf einem Tisch entdeckte und wusste, nur einer von uns beiden wird ihn besitzen können, hervor gestürzt aus meinem Schatten trat ich … (Oh Johann, wie tief sind wir gesunken.)
Ich glaube meine Hand griff einige Herzschläge eher nach dem schmalen Band, während der Hund mir um die Beine strich, der junge Mann und ich wechselten einen kurzen Seitenblick, ich verschwand. Trug den Chagall-Band sorgsam in meiner Hand geborgen in meine kleine Wohnung im südlichen Isarviertel und griff den Rucksack und wusste, ich würde auch diesmal wiederkehren. Der einen, wie der anderen Welt den Rücken zuwenden, brächte ich nicht übers Herz; nur, in manchen Zeiten gleicht mein Wechsel zwischen diesen Welten auch irgendwie einem Versteckspiel.

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